23
Apr

115 | Feuerwehrchor Schall und Rauch

Fürstenfelde. Einwohnerzahl: Ungerade. Ist mein liebster Satz aus “Vor dem Fest”. Der wird im Stück am Thalia Gaußstraße nur einmal ganz am Ende ansatzweise zitiert: “Fürstenfelde. Einwohnerzahl: unverändert”. Auch schön. Aber nicht so schön, wie der andere Satz. Das kommt auch aus dem Buch: “Es ist schön hier, aber nicht so schön wie woanders”. Es steht als letzte Notiz in meinem Buch (zweimal unterstrichen): würdig. Denn das war dieses Stück. Dem Buch würdig. Manchmal wird die literarische Vorlage ja nur mit Füßen getreten und als Sprungbrett missbraucht. Die Inszenierung von Charlotte Sprenger bleibt (textlich und erzählerisch) nah am Buch. Entwickelt aber eigene Charaktere und setzt eigene Prioritäten.

Eigentlich nicht weiter verwunderlich. Denn textlich und in der Erzählweise ist das Buch von Saša Stanišić so dicht und so lyrisch, wie man es von Theater erwarten würde.

Bilder von Krafft Angerer, mit freundlicher Genehmigung des Thalia

Unter einem Himmel aus Stoffbahnen, von dem ich persönlich behaupte, es sei gar kein Himmel sondern eine Wasseroberfläche (das Stück spielt folglich unter Wasser) sitzt ganz Fürstenfelde bzw. der repräsentative Teil in ein und dem selben Boot. Das Boot ist ausgekleidet wie ein Sarg. Wohl der Sarg des Fährmanns, dessen Tod das Dorf betrauert.

Das Stück verläuft zwar sehr nah am Buch, den großen Clue (um Muh und die Heimat) versteht man aber nicht, wenn man das Buch nicht gelesen (und verstanden) hat. Das ist aber nicht weiter schlimm. Weil das Stück, wo es an der einen Stelle Handlung aus dem Buch zu kurz kommen lässt, an anderer Stelle neue hinzufügt. Und die ist vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden.

Beziehungsweise eben nicht. Denn es sind Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen, die im Buch zwar erwähnt, aber nicht weiter vertieft werden. Hier greift das Stück ein und entwirft neue Geschichten.

Johann und die Glocken, Bilder von Krafft Angerer, mit freundlicher Genehmigung des Thalia

Da wären Johann und die Glocken. In dem Moment, wo da wirklich Glocken auf die Bühne liefen. 5 Glocken. 5 Schauspieler in Glockenkostümen, war klar, dass das Buch ernstgenommen wurde. Er schüttelt jeder einzelnd die Hand. Und Gesichter haben sie bekommen (so ein bisschen wie der Geist aus “Chihiros Reise ins Zauberland”).

Da wären der Zigarettenautomat und Herr Schramm, die sich gegenseitig mit Pistolen bedrohen und eine nicht ganz unerotische Verbindung zu haben scheinen.

Und Dietsche und die Fähe. Sie trinken Wein auf der Bühne, teilen ein Mikrofon. Im Buch begegnen sie sich überhaupt nicht, ihre Annäherung, die sogar im einzigen Kuss des Stückes endet, ist aber konsequent und kohärent. Er, als ehemaliger Stasi, bewundert ihre List. Und sie mag natürlich seine (Rasse)hühner.

Die Fähe, Johann, Bilder von Krafft Angerer, mit freundlicher Genehmigung des Thalia

Die Fähe war mir persönlich zu hart, parallelbesetzt mit Lada, der mir auch zu hart war. Beide waren mir im Buch ein wenig gemäßigter, weniger böse vorgekommen. Auch Johann war mir zu lappig. Er mag zwar Dungeons and Dragons gespielt haben. Von einem Oberlippenbart und Beinfreiheit ist das aber weit entfernt. Dazu kommt die Parallelbesetzung der Rolle des Johann mit allen anderen Lappenrollen des Stückes (der Sau und dem Kesselflicker).

Auch leben die lustigsten Stellen vom Sich-Lustig-Machen-Über-Andere (hauptsächlich Süddeutsche Mundarten). Das ist okay, aber etwas, das Saša’s Buch so stark gemacht hatte. Dass es zwar klischeehafte Charaktere entwarf, sich über sie und ihr Klischee aber nicht lustig machte, man sie dem Buch und seinem Autor einfach so abkaufte.

Insgesamt eine gelungene Weiterentwicklung der Themen des Buches. Und gutes Theater! Was meine ich mit gutes Theater? Thalia neigt dazu, die Dinge schlicht zu inszenieren. Davon bin ich großer Fan. Aber es gibt Dinge, die machen bei Theater Spaß. Rumschreien. Dumme Kostüme. Hinfallen. Nebelmaschinen. Pistolenrequisiten. Von alle dem hatte das Stück mehr als genug. Das ist gut so.

Als die Souffleuse (erste Reihe, ganz links) das Licht an ihrem Pult ausschaltet und die Mappe zuklappt, entlädt sich in einem Satz die Spannung des Abends und der Himmel (oder die See, je nachdem) stürzt herab: “Das Fest beginnt”.

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