16
Dec

89 | Irgendwo ist da Hoffnung (Timmy)

Timmy glaubt nur, was er fühl’n kann. Wenn jemand Angst hat, dann sieht er’s ihm an. Timmy ritzt sich ein Kreuz in die Stirn. Er boxt mit dem Spiegel, bis er ohnmächtig wird. Timmy zerreibt Magnesium, mischt Mehl drunter und rührt es um. Destilliertes Wasser und Ethanol, durch einen Trichter in ein schwarzes Kondom.

01
Dec

88 | Mischtonträger XII

Ich sitze zu nah am Kai. Pier #6. Schlage auf. Seite 1. Welt. Sitze, Am Kai, am Hafen. Kelsey hatte sich hier letztens entschuldigt, kurz vor ihrer Kreuzfahrt nach Aquitane. Jetzt ist sie da wieder. Nein nicht sie, sondern diese Melodie, die immerzu durch den Flur rauscht. Seite 11, 13. Stritten uns immer, wie ums Goldene Fließ. In der Ferne, Sirenen. Ein Schlepper dümpelt müde im schwarzen Wasser, brasilianische Flagge. “Capitão de Areia” ist auf den Bug gepinselt worden. Unheilvoller Name. Hoffe, das er seinem Schicksal entgeht. Was? Ach so, ja, “Capitão de Areia”, das ist der portugiesische Name der “Herren des Strandes”, so `n Buch über Strandräuber aus den 90ern. Der Autor, dieser Jorge Amado, soll wohl so etwas wie der brasilianische Orpheus sein. Ich blättere weiter gelangweilt im Atlas. Seite 3. 7. Ein letztes Mal werde ich Kelsey wohl drauf ansprechen müssen. Zurück zu Seite 2. Schon wieder diese Melodie. Es klingt wie die Titelmusik von Bojack the Horseman, du weißt schon, diese super gehypte Serie auf Netflix, die ach so schön ins Schwarze treffen soll… Die Wellen singen es mir seit Stunden entgegen, und ich - ich singe es zurück… Nachdem sich das Blatt gewendet hatte begann es zu regnen. Und es regnete und regnete zwei Tage und regnete 3 Tage und regnete 6 Tage und regnete 7 Tage und regnete 8 Tage und regnete 9 Tage und regnete 10 Tage. So wie damals, in den 90ern, als wir noch zu zweit am Kai im Atlas geblättert hatten.

26
Nov

87 | Der exaltierte Voyeur

Wer nicht, wie wir, die Ausstellung von Innen nach Außen begeht, sondern vom Eingang aus, der wird von der Transparent City Serie begrüßt. Eins der ersten Bilder zeigt eine nächtliche Skyline. Und ist an Austauschbarkeit kaum zu überbieten. Desktop-Hintergrund-Fotografie. Spätere Bilder werden stärker. Aufnahmen von Glas-Hochhäusern, direkt von gegenüber. Daneben, stark vergrößert, einzelne Portraits einzelner Bewohner. Entstanden durch extreme, digitale Vergrößerung. Ein erster Versuch der Charakterisierung. Der jedoch am fehlenden Kontext scheitert. Es wird keine Lebensgeschichte erzählt. Kein Blick in die Wohnung gewährt, die Personen hängen oft neben Bildern, in denen sie gar nicht zu finden sind.

01
Nov

85 | Mischtonträger XI

Es war wieder Dienstag, also sprach Zarathustra von Mineralwasser. Er liebte es, wenn sie sprach. Von Spurenelementen. Institut Fresenius, Flaschenhalsgestaltung und Kohlensäuregehältern. Von Magnesium. Wie der Junkie den goldenen Schuss setzt, so setzte diese Frau den Goldenen Pfeil in sein Herz. Ganze Galaxien hatte sie vorsichtig, in kurzen Rucken und ohne ihn zu sehr zu schütteln, in ihm geöffnet. Sie macht ihn einfach glücklich - with wordplay. Doch heute, an diesem Dienstag, da spricht sie nicht von Mineralien und macht auch keine Wortspiele. Sie sagt: “Duweißtwieesumunssteht”, “Ja, du bist Das einzig Heilige, dass ich je sah”, antwortet er. Und doch nennt sie ihn einen Freak, sagt ihm er solle jetzt nach Hause gehen. Aus dem kleinen Diner, mit den Neonbuchstaben, direkt hinter der Autobahn. Aber wie bald ist schon jetzt? Ihr ist doch sein ganzes Herz! Er liebt, sprudelnd, ist keine Maschin. Am Ende ist es doch Liebe, die uns entzwei reist. Liebe zur Frau, zur Familie, ja von mir aus sogar die Liebe zu Gott, Mohammed, Jesus etc. Wir hinterlassen ja doch nichts, vielleicht dank der Deutschen Verwaltung gerade eben noch Papierspuren. Er fährt zurück in die Ein-Zimmer-Wohnung. Im blau-grauen Sp2500 Coupé. Verdeck offen. Wind. Und dank der Deutschen Verwaltung 270 km/h.

29
Oct

84 | Wer hat noch nie?

Es muss irgendwann gegen Ende der dritten Klasse gewesen sein. Ich glaube kurz nachdem wir das Thema Biologie in Sachkunde angefangen hatten. Da irgendwann, zu dieser speziellen Zeit im Leben eines Kindes, da muss es angefangen haben. Dass du der Größte warst. Wenn du “Sex” sagen konntest. Es war die Faszination mit dieser, so definitiven, eindeutigen, formulierbaren Eigenschaft des Erwachsen-Werdens. Dem Sex. Es ging gar nicht um das Dahinter oder das Darunter. Oder überhaupt Sex. Mädchen waren bäh. Und Sex hatte auch nichts mit Mädchen zu tuen, damals. Sex war die Antwort auf alles. Es befand sich irgendwo zwischen peinlich und wünschenswert. Sag mal Klettergerüst. Klettergerüst. Du hast ne nackte Frau geküsst. Da war der Tag dann erst mal gelaufen, nach so einer Aktion.

19
Oct

83 | Schokolade in Zeiten des Klimawandels

Eigentlich hatte ich mir für das Wochenende vorgenommen, meinem liebsten Hobby zu fröhnen: Parteiprogramme schreiben. Vielleicht ist sie bisher nur mir aufgefallen, aber es gibt eine eindeutige Marktlücke im deutschen Politzirkus. Dank Trump weiß ich jetzt, den Klimawandel zu leugnen schadet nicht dem politischen Image. Und das war doch ein geiler Sommer - oder etwa nicht? Ich glaube, was Deutschland fehlt, das ist eine Pro-Klimawandel-Partei! Gehen sollte das. Und an Wählern sollte es auch nicht mangeln. Schauen wir uns die beiden großen Wahl-Gewinner der Bayern-Wahl an, stellen wir fest: Wähler bekommt man mit radikalen Ansichten und dem Thema Umwelt. Warum nicht beides in einer Partei? Mathematisch könnte ich dann 27,7 % (Grüne: 17,5 % und AFD 10,2 %) aller Stimmen bekommen und wäre dann zweitstärkste Partei. Ich hatte den Bleistift schon angespitzt (in solch politisch wankelmütigen Zeiten meißel ich das mal lieber nicht direkt in Stein) und Blasenpflaster aufgeklebt. Und da hab ich dann leider unbedacht ins Abendblatt geschaut.

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