10
Jan

95 | Kleine Gesten im Kleinen Saal

Gabriel Prokofiev ist ein großer Mann. Mit einem großen Namen. Prokofiev, Gesundheit. Das ältere Ehepaar, das schon nach dem String Quartet No. 1 flüchtet, hatte wahrscheinlich nur eben diesen Nachnamen im Programm gesehen. Prokofiev, Gesundheit. Über den wollte Gabriel Prokofiev sich lange Jahre nicht definieren lassen. Erst unter eigenem Label, nonclassical, traute er sich, unter seinem echten Namen zu veröffentlichen. Aber mit Sergei Prokofjew verbindet ihn auch nur die Verwandtschaft. Denn Gabriels Wohnung wird bewacht von der Avant-Garde, er ist Grenzschmuggler, Wanderer auf dem Grat, bestellt unermüdlich das Spannungsfeld zwischen Klassik und Elektronik, die sich sonst so konträr begegnen. Er schreibt klassische Stücke für DJs und lässt Violinkonzerte remixen.

Ein Quartett des Ensemble Resonanz betritt die Bühne und spielt kommentarlos das, zwar interessante aber noch recht unaufgeregte, String Quartet No. 1. Danach wandert Prokofiev durch den Seitenaufgang. Lange Haare, drei Tage Bart, legeres Sakko. Wenig Gerede. Jetzt gibts Remixes, meint er. Und dann knallts das erste Mal. Vollkommen organischer Sound, da nur das Quartet selbst gesamplet wurde. Spannend, wie basshungrig man wird, wenn man Goa und Acid Techno gewöhnt ist. Ohne zieht gar nicht mehr.

Und bei diesen Remixes spürt man auch, was wirklich das Stilmittel des 21. Jahrhunderts ist. Nicht der Bass. Basso continuo ist kein neues Konzept. Nein, es ist die schnelle, hochpräzise Wiederholung. Die kein Streicher, kein Bläser, kein Perkussionist jemals erreichen könnte. Die, auf die Nanosekunde genaue Wiederholung des exakt identischen, akustischen Phänomens. Das ist der Klang der Moderne.

Concerto for Turntables and Orchestra No. 1, Mr. Switch am Turntable. Er ist Meister seiner Kunst. Viel mehr ist nicht zu sagen. Scratchen ist Kunst, Turntables sind ein klassisches Instrument. Und Mr. Switch ist ein Künstler. Pause.

Spotify Single


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'Der Schmuck war echt, das Geld roch nach Benzin' der letzte, große Gangster-Epos: 'Sunny Drive By' von Hayiti

Danach betritt Saerom Park gemeinsam mit Prokofiev die Bühne. Sie ist Cellistin, auch im Ensemble Resonanz und spielt die 9. Stimme aus Gabriels Komposition Cello Multitracks. Bogenstriche wie Messerstiche. Lange Züge, große Wunden. Kleines Trösten, kleines Tippeln. Saerom führt eine intime, gleichgeschlechtliche Beziehung mit ihrem Cello, stellt Zuneigung offen zur Schau, zeigt keine Scham. Viel mehr Sarkasmus, fast Verachtung. Sie erinnert mich in Attitude, Intonation und Lässigkeit stark an Hayiti.

Die 4 Sätze sind dominiert von unorthodoxer, avantgardistischer Spieltechnik. Noch stärker als das Quartet. Gemein haben beide, dass Prokofiev die unglaublich angenehme Gewohnheit hat, Sätze und Stücke vollkommen frei, in der Luft hängend zu beenden. Kein unangenehmes Langsamer-Werden, keine Trommelwirbel, kein gehaltener Schlußton, kein letztes Aufbäumen des Orchesters und auch keine Effekthascherei. Stücke enden einfach unerwartet und mittendr.

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'Cello Multitracks' von Gabriel Prokofiev mit Joshua Roman am Cello (und Gabriel am Laptop halt)

Prokofiev verschwindet bei diesem Konzert vollkommen hinter seinen Gästen. Jeder einzelne stiehlt im musikalisch die Show. Besonders Mr. Switch, dessen Interaktion mit seinem Instrument, das ich bis gestern nicht einmal als Instrument begriffen habe, die Elbphilharmonie sinnigerweise mit einem Beamer zeigt. Prokofiev steht hinter seinem Mac. Wippt unbeholfen im Takt. Aber wer von uns würde da schon cool aussehen?

Trotzdem sagte ich, Prokofiev sei ein großer Mann. Weil dieses Verschwinden ganz und gar für ihn als Künstler spricht. Seine Präsenz als Initiator, Konzeptionist, Antrieb und eben auch Komponist ist durchgehend spürbar. Der Respekt, den all seine Gäste vor ihm haben, auch. Er ist vollkommen genügsam, hier zu sein, sein Werk, seine Idee zu zeigen. Er braucht kein Stargehabe. Keine Allüren. Nichts davon. Das ist angenehm. Und das ist Größe.

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Prokofiev's 'concerto for turntables and orchestra' bei den BBC Proms von 2011, Mr. Switch an den Turntables

Prokofiev ist ein Spielkind, das sich in der kleinen Sandkiste der Klassik herumtrieb, schaukeln ging, absprang und sich jetzt im freien Fall durch die Endlosigkeit der elektronischen Klangerzeugung befindet. Aber sich nicht verliert. Denn sein Gefühl für das Analoge und die Analogie, das blieb. Bis er ein klassisches Konzert auf Vinyl presste, konnte Prokofiev die Turntables nicht als Instrument auffassen. Sein Stück Cello Multitracks ist eine Komposition für 9 Celli. Da es aber ziemlich schwierig war, 9 Cellisten zu versammeln, beschloss Gabriel, 8 der 9 Spuren von Peter Gregson einspielen zu lassen und fortan als Playback zu verwenden. Und machte damit das Playback nicht nur salonfähig sondern sogar saalfähig. Denn nur die neunte Spur wird live gespielt. Das aber, umgeben von 8 weiteren Stühlen, auf denen die Lautsprecher Platz nehmen.

Das war ein Konzert der kleinen Geste und das Konzert war ganz groß.

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