10
Jan

95 | Kleine Gesten im Kleinen Saal

Gabriel Prokofiev ist ein großer Mann. Mit einem großen Namen. Prokofiev, Gesundheit. Das ältere Ehepaar, das schon nach dem String Quartet No. 1 flüchtet, hatte wahrscheinlich nur eben diesen Nachnamen im Programm gesehen. Prokofiev, Gesundheit. Über den wollte Gabriel Prokofiev sich lange Jahre nicht definieren lassen. Erst unter eigenem Label, nonclassical, traute er sich, unter seinem echten Namen zu veröffentlichen. Aber mit Sergei Prokofjew verbindet ihn auch nur die Verwandtschaft. Denn Gabriels Wohnung wird bewacht von der Avant-Garde, er ist Grenzschmuggler, Wanderer auf dem Grat, bestellt unermüdlich das Spannungsfeld zwischen Klassik und Elektronik, die sich sonst so konträr begegnen. Er schreibt klassische Stücke für DJs und lässt Violinkonzerte remixen.

08
Jan

94 | A man lost in time wie im KaDeWe

An den Kultfilm von Nicolas Roeg aus ‘76 schließt sich Lazarus an. Der irische Dramatiker Enda Walsh schrieb um eine Sammlung Bowie Songs ein Stück, das den Zwischenwelt-Aufenthalt eines Aliens und sein Hadern mit Menschheit und Sterblichkeit elaboriert. Das wirre Ergebnis war bis vor kurzem am Deutschen Schauspielhaus zu sehen und kam dem Film zumindest dahingehend nahe, dass alles eigentlich durchgehend auf 10g Kokain war und keine wirkliche Schirmung davon hatte, wo es sich gerade befindet. Ungefähr so wie Bowie nach eigener Aussage am Set von “Der Mann, der vom Himmel fiel”.

29
Dec

92 | Notizen zu Lazarus (D)

Zusammen mit dem Iren Enda Walsh schrieb David Bowie kurz vor seinem Tod ein Musical, das an die Geschichte des Films “Der Mann, der vom Himmel fiel” von Nicolas Roeg anknüpfte, in dem Bowie die gleichnamige Hauptrolle spielte. Newton, auf die Erde gesandt um Wasser zu finden, verliebt sich, scheitert an der menschlichen Zivilisation und verweilt als Unsterblicher unter uns. Seine Dämonen verfolgen ihn, er bezwingt sie (vermeintlich) mit Gin und Frühstücksflocken. Am Deutschen Schauspielhaus aufgeführt als Spektakel in der Zwischenwelt, das sind die Notizen, komplette Kritik kommt die Tage. Aktueller Arbeitstitel: “A man lost in time wie im KDW”.

26
Nov

87 | Der exaltierte Voyeur

Wer nicht, wie wir, die Ausstellung von Innen nach Außen begeht, sondern vom Eingang aus, der wird von der Transparent City Serie begrüßt. Eins der ersten Bilder zeigt eine nächtliche Skyline. Und ist an Austauschbarkeit kaum zu überbieten. Desktop-Hintergrund-Fotografie. Spätere Bilder werden stärker. Aufnahmen von Glas-Hochhäusern, direkt von gegenüber. Daneben, stark vergrößert, einzelne Portraits einzelner Bewohner. Entstanden durch extreme, digitale Vergrößerung. Ein erster Versuch der Charakterisierung. Der jedoch am fehlenden Kontext scheitert. Es wird keine Lebensgeschichte erzählt. Kein Blick in die Wohnung gewährt, die Personen hängen oft neben Bildern, in denen sie gar nicht zu finden sind.

10
Oct

82 | 2018: a Karlsruhe Odyssey

In dem dreistöckigen Haus am Krokusweg hat sich seit meiner Ankunft am Freitag kaum etwas bewegt. Zu dem Paket von Hello Fresh, inzwischen wohl Good Bye Welk, hatte sich am Samstag noch ein Luftbrief gesellt. Die Crocs im Zweiten liegen noch immer in derselben Konstellation, in der wir sie zurückgelassen hatten, um zu schauen, ob sich in dem dreistöckigen Haus am Krokusweg etwas bewegen würde. Hinter der Tür riecht es nach toter Oma. 9 Duft-Teelichter (Apfel-Zimt) mit einer addierten Brenndauer von 36 Stunden sind machtlos. Jerome studiert jetzt an der KIT. Ich nicht. Aber nach Karlsruhe bin ich trotzdem mitgekommen.

12
Sep

78 | Da wo man noch Hände ringt [Belgien]

Es ist kein Zunicken, denn das kommt aus dem Hals. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Leute aus meinem Training schauen immer so komisch. Sagst du denn Hallo? Ne nicht so wirklich, ich kenne die ja kaum. Aber das ist eine andere Welt hier, auf dem Sommerlager. Das ist Familie. Oder Sekte, sagt meine Freundin. Da nickt man sich nicht zu. Das ist was anderes. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Wolken bringen die Kälte, sagte Edda nachts.

06
Sep

77 | Melodien aus Hong Kong

Wir kaufen ein Bier und eine Uhr für 2 Euro auf dem Beckstraßenfest. Till freut sich über sein Bier. Und ich mich über meine Uhr. Sie sieht aus wie meine Casio, nur irgendwie anders. Und “7 Melody Chrono” steht drauf. In der Rindermarkthalle kaufe ich eine neue Batterie, im “Hot Dogs” setze ich sie ein. Und Till hat neue Sneaker. Jetzt laufen sie beide wieder. Till und die Uhr. Abends google ich den Markennamen, der auf einer schwarzen Plakete auf der Uhr steht. Jasa. Ich finde ein Youtube-Video, eine alte Ebay-Listung und zwei Einträge ohne Inhalt in Sammlerforen. 5 Stunden Recherche, einen Juwelier und ein Auktionshaus später bin ich Experte für die Entwicklung von Digitaluhren mit LC-Display in der UdSSR der frühen 80er.

17
Aug

74 | Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Wien)

Das erste, was ich in Wien nach 9 Stunden Zugfahrt bewusst lese, ist: “Guten Morgen, flüstert die Bio-Handsemmel zur Butterflocke”. Und es ist Werbung an einem Bäcker. Das Wort Butterflocke liest sich schon wienerisch. Buudterfloagke. Bäcker neigen dazu, Werbetexte zu haben, die außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes, der Bäckerei, ziemlich deplatziert wirken. Mein Liebling stammt von der Effenberger Vollkornbäckerei. Der Aufbau des Humus ist unsere Zukunft. Werbetext mit Laib und Seele. So wie Bäcker in der Freiburg-Gegend.

18
Jul

69 | Ansichtskarte an Franko (Sylt)

05
Jul

66 | Geschichten aus Goblinstadt Zwei

Also ich habe 18 Lebenspunkte, aber das darfst du den Kiddies nicht sagen, sonst fragen sie die ganze Zeit. Volckel* ist unter der Orkmaske kaum wieder zu erkennen. Der Hammer ist noch weicher gepolstert, als die anderen Waffen hier. Ob der mehr Lebenspunkte abzieht, frage ich. Ne, aber der macht Eindruck. Wumms. Wegrennen. Als ich frage, ob er denn selber als Hobby LARPen würde, sagt er mir ja, aber nicht als Ork, da musst du mal Ronja fragen, die macht das. Und für richtigen Ork-LARP, würde das Kostüm auch gar nicht reichen, meint er. Als Alex mir später Fotos von ihm und seinen Jungs auf dem Handy zeigt, verstehe ich, was Volckel* meint. Da auf dem Foto. Das sind Orks. Kein Zweifel möglich.

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