10
Jan

95 | Kleine Gesten im Kleinen Saal

Gabriel Prokofiev ist ein großer Mann. Mit einem großen Namen. Prokofiev, Gesundheit. Das ältere Ehepaar, das schon nach dem String Quartet No. 1 flüchtet, hatte wahrscheinlich nur eben diesen Nachnamen im Programm gesehen. Prokofiev, Gesundheit. Über den wollte Gabriel Prokofiev sich lange Jahre nicht definieren lassen. Erst unter eigenem Label, nonclassical, traute er sich, unter seinem echten Namen zu veröffentlichen. Aber mit Sergei Prokofjew verbindet ihn auch nur die Verwandtschaft. Denn Gabriels Wohnung wird bewacht von der Avant-Garde, er ist Grenzschmuggler, Wanderer auf dem Grat, bestellt unermüdlich das Spannungsfeld zwischen Klassik und Elektronik, die sich sonst so konträr begegnen. Er schreibt klassische Stücke für DJs und lässt Violinkonzerte remixen.

16
Dec

89 | Irgendwo ist da Hoffnung (Timmy)

Timmy glaubt nur, was er fühl’n kann. Wenn jemand Angst hat, dann sieht er’s ihm an. Timmy ritzt sich ein Kreuz in die Stirn. Er boxt mit dem Spiegel, bis er ohnmächtig wird. Timmy zerreibt Magnesium, mischt Mehl drunter und rührt es um. Destilliertes Wasser und Ethanol, durch einen Trichter in ein schwarzes Kondom.

19
Oct

83 | Schokolade in Zeiten des Klimawandels

Eigentlich hatte ich mir für das Wochenende vorgenommen, meinem liebsten Hobby zu fröhnen: Parteiprogramme schreiben. Vielleicht ist sie bisher nur mir aufgefallen, aber es gibt eine eindeutige Marktlücke im deutschen Politzirkus. Dank Trump weiß ich jetzt, den Klimawandel zu leugnen schadet nicht dem politischen Image. Und das war doch ein geiler Sommer - oder etwa nicht? Ich glaube, was Deutschland fehlt, das ist eine Pro-Klimawandel-Partei! Gehen sollte das. Und an Wählern sollte es auch nicht mangeln. Schauen wir uns die beiden großen Wahl-Gewinner der Bayern-Wahl an, stellen wir fest: Wähler bekommt man mit radikalen Ansichten und dem Thema Umwelt. Warum nicht beides in einer Partei? Mathematisch könnte ich dann 27,7 % (Grüne: 17,5 % und AFD 10,2 %) aller Stimmen bekommen und wäre dann zweitstärkste Partei. Ich hatte den Bleistift schon angespitzt (in solch politisch wankelmütigen Zeiten meißel ich das mal lieber nicht direkt in Stein) und Blasenpflaster aufgeklebt. Und da hab ich dann leider unbedacht ins Abendblatt geschaut.

12
Aug

73 | Gott wohnt in Barmbek

Irgendwie beruhigt es mich, dass Gott doch einen weißen Bart hat. Auch das mit dem blauen Pulli passt soweit. Das mit den Regenschirmen. Na ja, er müsste es ja an sich am besten wissen. Vielleicht als Tarnung. Oder ein Witz mit sich selbst. Gott würfelt vielleicht nicht. Aber Witze macht er bestimmt. Die in der Kirche haben mir immer auf meine Frage, wo Gott denn wohnen würde, geantwortet, dass er in uns allen lebt. Und in den Dingen. Und Pflanzen. Und Tieren. Eine Weile lang hat er nicht so gerne in den Homosexuellen gewohnt. Aber die Zeiten sind längst vorbei. Und die in der Kirche haben halt auch keine Ahnung von Gott. Weil ich weiß wo Gott wohnt. Gott wohnt in Barmbek.

12
Jul

68 | Der Abgesang

Glückstaumelige Kehlköpfe grölen die letzten Takte von Wonderwall. Und ich war noch nie ein Fan von Rausschmeißermucke. Irgendwie schade. Danach schmeckt der ganze Abend bitter, als hätte man zu viel Gin Tonic gehabt. Ich hab mal ein Interview mit einem DJ gelesen, da hat der gesagt, dass wer um 4 noch da ist, der hält auch bis zum Ende durch. Dann spielt er nur noch Trance und lässt langsam ausklingen. Als wir rausgehen ist es schon hell. So eine der Morgen danach Stimmung liegt in den Menschen, die mich umgeben.

08
Jul

67 | Orientierungslose, Genies und Erfinder

Man sagt ja, eine gute Rede sei wie ein guter Bikini: deckt alle wichtigen Stellen ab, aber ist kurz genug um interessant zu bleiben. Diese Rede ist ein kreischgrüner Badeanzug mit Löchern an den Nippeln: Ein bisschen zu lang, unorthodox aber verdammt gewagt! Also Hallo, ich bin Johannes aus dem Physikprofil und wenn man mich vor 2 Jahren gefragt hätte bis wohin es weiter ist, bis zur Sonne oder bis zum Abitur - ich hätte spontan aufs Abitur getippt.

17
Jun

61 | Schriftzeichen aus Stahlbeton (VRHAM)

Wir betreten das VRHAM Festival durch einen dumpfen Tunnel. Achtung, Zitat: “Virtual reality is like dreaming with your eyes wide open”. Das “Open” leuchtet uns in geschlungen-orangen Leuchtbuchstaben entgegen. Willkommen in der neuen Realität, es ist offen. Und umsonst. Und noch leer. Denn es ist Eröffnungstag. Wir haben uns extra beeilt, hatten auf Konfetti und Banddurchschneiden, wie sie das mit den neuen IPhones immer machen, gehofft. Oder auf Goodie-Bags. Warum gibt es eigentlich keine Goodie-Bags mehr auf Geburtstagen, so wie das früher immer war? Links die Bar mit hippen Limos und Weißweinchen, Rechts ein blau erleuchtetes Zimmer im Biedermeierstil, in dem schon die Ersten in das hineinstarren, was wohl bald die Welt so stark verändern wird, wie einst das Feuer. Tief hinein starren sie, in die virtuelle Realität. Gott sei Dank starrt noch nichts zurück. Prometheus brachte dem Menschen einst das Feuer. Und ich bringe diesen Bericht vom VRHAM! Virtual Reality & Arts Festival:

22
May

54 | Leben ist tödlich

Ein Jeder, der eben jene Shell-Tankstelle an diesem Vormittag zwischen 12.32 Uhr und 12.35 Uhr betrat, sollte viele Jahre später dem inzwischen gefährlichsten Sternzeichen zum Opfer fallen. Denn der Krebs, der von eben jener Shell-Tankstelle zwischen 12.32 Uhr und 12.35 Uhr verursacht wurde, war Einer, von der Sorte: Stadtreinigung am ersten Wintertag. Er streut. Eben jene Shell-Tankstelle hatte sich an eben jenem Vormittag in eine Todesfalle verwandelt. Vielleicht kommen die Krankheiten ja daher, genau weiß das ja sowieso keiner. Zu dem Thema Sternzeichen übrigens: Bis ins späte 17. Jahrhundert hinein liefen besonders “Jungfrauen” Gefahr von Drachen gefangen genommen und von, in total sexistischen Rollenbildern gefangenen, Rittern befreit zu werden nur um danach den Göttern geopfert zu werden, damit sie den Rittern doch bitte die blöden Drachen vom Hals halten. Heute riskiert man als Jungfrau nur noch von Dr. Sommer beraten zu werden.

14
May

51 | Tage mit Grossvater (Ostfriesland)

Der Muschelweg hatte einen Großteil seiner alten Magie bereits eingebüßt. Als ich klein war, bestand dieser Fahrradweg aus großen Mengen von Muschelschalen. Was ich nie verstehen konnte war, wie man denn dieses, so wertvolle, Sammelobjekt einfach mit dem Fahrrad überrollen konnte und noch viel weniger, woher jemand etwas, so wertvolles wie Muscheln, in solch ausreichender Menge finden konnte. Heute ist der Muschelweg nicht mehr der Muschelweg sondern der Nasser-Kalk-Wieder-Angetrocknet-Weg. Wie gesagt, die alte Magie ist schon lange woanders.

01
May

46 | Raketenwerfer und Homoerotik

Ab diesem Tag, dem 1. Mai, ein besonderer Tag, nicht nur für mich, auch für das Proletariat sowie freie Radikale. Ab diesem Tag sind es genau 4 Monate, bis am 1. September dann mein FSJ beginnt. Es sind 4 Monate, in denen ich, ich ganz allein, und nicht der Lehr- und Rahmenplan der Deutschen Schulbehörde meinen Lebensinhalt bestimmen werden. Ich will erzählen aus diesen 4 Monaten. Von den vielen Projekten, den Reisen. Und dem Alltäglichen, so wie Heute. Ich bin nun der stolze Besitzer von 22 Handtüchern, Tendenz: steigend.

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