29
Oct

84 | Wer hat noch nie?

Es muss irgendwann gegen Ende der dritten Klasse gewesen sein. Ich glaube kurz nachdem wir das Thema Biologie in Sachkunde angefangen hatten. Da irgendwann, zu dieser speziellen Zeit im Leben eines Kindes, da muss es angefangen haben. Dass du der Größte warst. Wenn du “Sex” sagen konntest. Es war die Faszination mit dieser, so definitiven, eindeutigen, formulierbaren Eigenschaft des Erwachsen-Werdens. Dem Sex. Es ging gar nicht um das Dahinter oder das Darunter. Oder überhaupt Sex. Mädchen waren bäh. Und Sex hatte auch nichts mit Mädchen zu tuen, damals. Sex war die Antwort auf alles. Es befand sich irgendwo zwischen peinlich und wünschenswert. Sag mal Klettergerüst. Klettergerüst. Du hast ne nackte Frau geküsst. Da war der Tag dann erst mal gelaufen, nach so einer Aktion.

10
Oct

82 | 2018: a Karlsruhe Odyssey

In dem dreistöckigen Haus am Krokusweg hat sich seit meiner Ankunft am Freitag kaum etwas bewegt. Zu dem Paket von Hello Fresh, inzwischen wohl Good Bye Welk, hatte sich am Samstag noch ein Luftbrief gesellt. Die Crocs im Zweiten liegen noch immer in derselben Konstellation, in der wir sie zurückgelassen hatten, um zu schauen, ob sich in dem dreistöckigen Haus am Krokusweg etwas bewegen würde. Hinter der Tür riecht es nach toter Oma. 9 Duft-Teelichter (Apfel-Zimt) mit einer addierten Brenndauer von 36 Stunden sind machtlos. Jerome studiert jetzt an der KIT. Ich nicht. Aber nach Karlsruhe bin ich trotzdem mitgekommen.

26
Sep

80 | Wach mit Streichholzkindern

Der Film beginnt mit Masturbation. Weiblicher Masturbation. Wären wir in den 80ern, hätten wir hier einen handfesten Skandal im Sperrbezirk. Wir sind aber in den modernen Zeiten. Die ja eigentlich schon mit Charlie Chaplin anfingen, aber manche Dinge brauchen Zeit - Hefeteig zum Beispiel. Carlotta filmt und masturbiert. Filmt sich beim Masturbieren. Kommt tonlos. Ausdruckslos. Dazwischen schnell geschnittene Videoschnipsel in 4 zu 3. Es wird artsy. C. spürt nichts mehr. Nicht einmal den eigenen Orgasmus. Aber sie will doch fühlen! Angst haben, um zu wissen, dass sie lebt. Wach bleiben, um zu wissen, dass es das noch gibt. Das high. Das pure Gefühl. Davon handelt Wach von Kim Frank. Eine kurze Charakterskizze der Generation Z. Einer Generation, wie zweite Geschwisterkinder. Alles schon gesehen, nichts schockiert noch.

12
Sep

78 | Da wo man noch Hände ringt [Belgien]

Es ist kein Zunicken, denn das kommt aus dem Hals. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Leute aus meinem Training schauen immer so komisch. Sagst du denn Hallo? Ne nicht so wirklich, ich kenne die ja kaum. Aber das ist eine andere Welt hier, auf dem Sommerlager. Das ist Familie. Oder Sekte, sagt meine Freundin. Da nickt man sich nicht zu. Das ist was anderes. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Wolken bringen die Kälte, sagte Edda nachts.

23
Aug

75 | Der Versuch, ein Pflaster abzureissen

Dennis ist eigentlich Nazi, geht aber trotzdem gerne tanzen. Am liebsten Club Hamburg. Viele Titten, sagt er. Sein aktueller Dauerbrenner und Aufreißgarant? Bella Ciao im Hugel Remix. Da kann man schön den 48er Bizeps zu flexen, sagt er. Und die Mäuschen mit dem Arsch wackeln. Auch im Benza kommt der ganz gut. Auf seinem Tinder-Profil kann man lesen, dass an Dennis Brustmuskeln die Schrotsalven zerplatzen wie Tontauben. Bitch. Klassischer Kollegah. Dennis Rücken ist stabil. Einen politischen Haltungsschaden kann man ihm trotzdem vorwerfen. Wenn er wählen geht - heimlich - dann die AfD. NPD darf er ja nicht mehr. Die ganzen Schwarzhaarigen Kanacken können schön in ihrem eigenen Land bleiben, meint Dennis. Und ihn nicht im Club stören. Ob die schwarzhaarigen Frauen denn hier bleiben dürften? Na sichi! Wenn er weiter in den nächsten Club zieht, verabschiedet er sich von seiner Eroberung meistens mit einem Zitat aus seinem Lieblingssong. Ciao Bella. Das ist sowas wie sein Signature-Move erzählen seine Jungs lachend.

12
Aug

73 | Gott wohnt in Barmbek

Irgendwie beruhigt es mich, dass Gott doch einen weißen Bart hat. Auch das mit dem blauen Pulli passt soweit. Das mit den Regenschirmen. Na ja, er müsste es ja an sich am besten wissen. Vielleicht als Tarnung. Oder ein Witz mit sich selbst. Gott würfelt vielleicht nicht. Aber Witze macht er bestimmt. Die in der Kirche haben mir immer auf meine Frage, wo Gott denn wohnen würde, geantwortet, dass er in uns allen lebt. Und in den Dingen. Und Pflanzen. Und Tieren. Eine Weile lang hat er nicht so gerne in den Homosexuellen gewohnt. Aber die Zeiten sind längst vorbei. Und die in der Kirche haben halt auch keine Ahnung von Gott. Weil ich weiß wo Gott wohnt. Gott wohnt in Barmbek.

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