14
Mar

108 | Plastiktüten, Eigenverantwortungsmythen

Es ist ein Thema, das mich schon eine Weile beschäftigt, aber mir seit dem Beginn der Fridays For Future Demos nochmal diskussionsbedürftiger erscheint: Die persönliche Eigenverantwortung, die vielen Anhängern einer politischen Bewegung zugesprochen wird - von innen und von außen.

Das Einfordern konsequenter persönlicher Eigenverantwortung ist ein Ablenkungsmanöver

Mit persönlicher Eigenverantwortung innerhalb einer Bewegung meine ich, dass jeder Anhänger dieser Bewegung immer konform nach der Erfüllung der Ziele der Bewegung im persönlichen Rahmen streben sollte. Ein Schüler, der Freitags auf FFF-Demos hängt, sollte Eltern den Skiurlaub absagen, ein kapitalismuskritischer Youtuber auf das Fragen nach Spenden oder Likes verzichten. Wem das merkwürdig erscheint, den kann ich gut verstehen, ich denke so ein Fokus ist falsch, im besten Fall wohlmeinend, aber irreführend, im schlimmsten Fall bösartig inszeniert.

Im Zuge der FFF-Demos zum Beispiel legen viele der Kritiker der Bewegung, deren direkte Angriffsziele oft Persönlichkeiten der Bewegung wie Greta Thunberg und Luisa-Marie Neubauer sind, meist einen speziellen Fokus auf die persönliche Umweltbilanz der Aktivistinnen. Greta wurde unlängst dafür belangt, auf einem Foto in einem Zug nach Davos mit Plastiktüten gesichtet worden zu sein, Luisas alter Instagramaccount auf Beweise nach einer Flugreise durchforstet - die auch gefunden wurden, Luisa war einmal im Rahmen eines Hilfsprojekts in Afrika. Solche Kritik erscheint falsch und fade. Warum?

Weil wir über systemkritische Bewegegungen reden, keine individualistischen und die Ziele solcher Bewegungen sind weder, Einzelpersonen umzustimmen, noch wäre das eine realistische Vorgehensweise. Die Last der Rettung der Welt kann nicht (ausschließlich) auf dem Individuum liegen, die Ziele von Anarchisten oder Sozialisten könnten nie über Privatentscheidung einzelner erreicht werden, genau so wenig wie das Aufhalten des Klimawandels. Ein System menschlicher Ordnung besteht zwangsläufig aus vielen Individuen und in den meisten Fällen aus Individuen mit ungleich verteilter Macht.

So ist der persönliche Verzicht kein maßgeblicher Teil der Forderungen der Fridays For Future Bewegung. Die meisten dieser Schüler gehen nicht auf die Straße, um sich gegenseitig die Plastiktüten aus der Hand zu schlagen oder Vorträge über die moralische Verpflichtung zu Veganismus zu halten. Abgesehen davon, dass keine ausformulierte Agenda existiert, gehen fast alle Forderungen der Teilnehmer der Demos an die Politik, wie schon Gretas Orginalprotest selbst. Viele dieser Schüler machen sich über ihr eigenes Tun zwar Gedanken, haben aber eingesehen, dass das nicht reichen, die Welt so nicht zu retten sein wird. Um etwas zu bewirken müsste sich schon jeder daran halten und das wird auf Freiwilligenbasis niemals funktionieren. Ausschlaggebend im Klimakampf sind nicht einige Tüten Eigengebrauch einer der berühmtesten, (jüngsten) und bald vielleicht einflussreichsten Klimaaktivistinnen des Kontinents. Ähnlich bei Luisa, einem prominenten Gesicht der deutschen Szene. Man könnte argumentieren, die Gesichter eine Bewegung hätten Verantwortung als Vorbilder. Aber wir leben alle in dem System in dem wir halt leben. Vielleicht sind wir Kritiker dieses Systems, aber wir können uns diesem nicht oder kaum entziehen. Kapitalismuskritik zu delegitimiseren, die nicht per selbstgedrucktem Flyer direkt aus der Kommune kommt ist nicht zielführend, oft absichtlich diskursverwirrend. Im Falle der Umweltbewegungen ist es kaum zielführend zu versuchen, jeden einzelnen Bürger der Welt zur dauernden und peniblen Überwachung der CO2-Bilanz seines Konsumverhaltens zu bewegen, stattdessen aber zum Beispiel, die Politik dazu zu bewegen, Produkte anhand ihrer Klimabilanz zu besteuern. (Wovor viele Internetkommentatoren wohl auch Angst zu haben scheinen, aber bitte, mit Sklavenarbeit könnte auch alles billiger sein, aber jeder vernüftige Mensch wird wohl einsehen, dass das keine Option ist - genausowenig wie die Zerstörung unseres Planeten, deren Konsequenzen jetzt schon hauptsächlich von unterprivilegierten Menschen in zumeist Schwellenländern zu spüren sind.) Ausschlaggebend wird sein, dass diejenigen mit Macht in der Welt etwas tun. Nur sie können die Welt nachhaltig retten und theoretisch wäre das ja auch ihre Aufgabe.

Forderungen nach individueller Eigenverantwortung kommen oft auch von innerhalb einer Bewegung, Schilder über Veganismus und Konsumverhalten fehlen auf keiner FFF-Demo. Ähnliche, themenbezogene Kritik an linken Köpfen kommt sogar meistens von innen. Persönliche Eigenverantwortung zu übernehmen ist großartig, wenn man es sich leisten kann, doch ich appelliere, dass wir diesen zwanghaften Fokus verlieren. Er bemächtigt störende Elemente, die Dikussion zu verwirren und er schreckt ab. In vielen Kommentaren über die FFF-Demos schwingt eine Angst mit, dass eine Befürwortung und Bemächtigung dieser mit vielen persönlichen Einschränkungen verbunden sein wird. Sehen wir erstmal davon ab, dass ich eine notwendige dramatische Absenkung unserer Lebensstandards nicht sehe, dazu wann anders mehr, letztendlich ist jemand, der auf Umweltdemos und im Check-In nach Mallorca zu finden ist, vielleicht nicht sehr konsequent, aber immernoch besser als einer, der vom Check-In aus, gelangweilt und unzufrieden, über das Konsumverhalten 16-jähriger Mädchen wettert. Und garnichts tut.

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