24
Feb

103 | Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

Ich hatte die letzten Tage ja häufiger über diese Ausstellung mit Leuten geredet. Immer ein bisschen Meinung verbreitet. Ist ja schon kontrovers. Ein 6-Jähriger, der mehr verdient als du. Da fühlen sich viele schnell auf den Wollschal getreten. Aber ich war noch nicht selber da gewesen. Mittwoch dann doch ganz spontan mit Kai. Und es war, wie zu erwarten, eine Ausstellung, die kontrovers diskutiert werden konnte. Mit Kai. Mit Nissi, der Galleristin. Und eine Ausstellung, über die diskutiert werden kann, ist meiner Meinung nach immer eine gute Ausstellung. Weil sie die Möglichkeit bietet, das Bekannte zu überdenken. Und das ist etwas, das ich (und viele andere auch) von guter Kunst scheinbar erwarten.

Wir stehen vor Nissis Kunst Kantine und wir sind uns nicht sicher, ob wir dürfen. Eine ungewohnte Art, Bilder zu präsentieren. In einem Lokal. Wir überlegen erst, ob wir was essen müssten. Aber iss nich’, ne, man kann auch einfach gucken. Finde ich zum einen etwas schwierig, zum anderen ganz fantastisch. Wir brauchen nun wirklich nicht noch mehr White-Cube-Gallerien. Und im Endeffekt hat man bei Kunst doch sowieso durchgehend dieses “Darf er/ich das”-Gefühl. Da ist das bisschen zusätzliche Diskrepanz nicht gerade ausschlaggebend.

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

'Jegga & Grins' von Mikail Akar*

Bevor dieser Text weiter geht, muss Eins gesagt sein. Ich spreche an keiner Stelle in diesem Text Mikail Akar das, sehr eindeutig vorhandene, große Talent ab. Darum soll es hier auch nicht gehen. Es ist so, und das hatte auch Nissi schon gesagt, dass diese Ausstellung weitaus mehr Aufmerksamkeit bekam, als Ausstellungen anderer, vielleicht sogar bekannterer Künstler. Und das, weil der Ausgestellte eben 6 Jahre alt ist (nicht wegen irgendwelcher versauter Bilder oder irgendeinem Personenkult, wie das ja sonst der Fall ist). Und obwohl viel mehr Presse als gewöhnlich da war, hat sich doch wieder keiner mit dem Thema befasst. Stattdessen wiederholen alle sich nur gegenseitig und ständig mit vagen Versuchen einer echten Beurteilung. Es ist schon traurig, dass die moderne Kunstwelt Journalisten so verschreckt hat, dass die sich gar nicht mehr trauen, zu werten. Es könnte sie ja als Ahnungslosen dastehen lassen. Stattdessen brauchen sie frei erfundene Begriffe wie Wallpower, um zu beschreiben, was sie sehen und fühlen. Eine Abrissbirne hat auch “Wallpower”.

Lassen Sie das flexen bitte

Die selbe Art von panischem Verstecken hinter Wörtern betreiben “Kunstkenner” häufiger. Sei es auch nur, um ihr Date aus dem Erstsemester Bildende Kunst an der HFBK zu beeindrucken. Und bei Mikail Akar hat man dann wohl häufiger so Aussagen gehört wie: “Ah, der kleine Picasso” oder “Oh, wie von Pollock”, vielleicht sogar ein “Das könnte auch von Richter sein”. Dass alle 3 Künstler eine realistische, oder in Bezug auf Pollock zumindest eine stark figürliche, Werksphase hinter sich hatten, bevor sie abstrahierten, wird dabei aber schön außer 8 gelassen. Es ist eben jenes, panisch an Bekanntes Klammern, was mich in der Auseinandersetzung mit Kunst so stört. Anstatt sich selber Gedanken zu machen wird möglichst schnell ein bekannter Name gedropt, damit die Umstehenden wissen: ah, der hat Ahnung.

An dieser Stelle meine persönlichen 5 Geheimtipps, mit denen du in der nächsten Ausstellung wie der Schäfer und nicht das Schaf wirken kannst:

  1. Habe Farbkleckse auf Händen und Jeans, als wärst du gerade aus dem Atelier direkt in die Ausstellung gestiefelt (und stiefelst nachher auch gleich wieder zurück).
  2. Notizen, Skizzen und Fotos aus verschiedenen Winkeln und Entfernungen heben dich von der Gaffercrowd ab.
  3. Frage nach Pressefotos! Auch wenn du nie im Leben irgendetwas mit Journalismus machen würdest.
  4. Beäuge das Werk immer wieder von sehr nah, als würde dich auch die Technik und nicht nur das Bild interessieren. Das Wort “Duktus” kannst du verwenden, um unangenehme Nachfragen schnellstens zu muten.
  5. Renne quer durch die Ausstellung. Immer wieder. Auf verwunderte Blicke antwortest du nur: “Ich stelle Werksbeziehungen her!”

'No. 46' von Mark Rothko

'No. 46' von Mark Rothko

'Who´s afraid of Red, Yellow and Blue' von Barnett Newman

'Who´s afraid of Red, Yellow and Blue' von Barnett Newman

Was also verbindet Mikail Akar mit Richter, Pollock und Picasso? Die Technik. Das Klecksen, das Spachteln. Die Farbe. Das Bunte, das Gemischte. Das Thema. Das Gesicht. Die Figur. Und all diese Dinge sind nicht ungewöhnliches für ein 6-jähriges Kind. Oder womit soll er denn bitte deiner Meinung nach sonst malen. Realistisch mit Öl? Vielleicht Tempera? Und was für Farben erwartest du denn? Die maximale Reduktion auf die Primärfarben, wie bei Barnett Newman oder die tief-traurigen, zerfaserten Rottöne von Mark Rothko? Und ich weiß nicht, was dich mit 6 beschäftigt hat. Bei mir waren es Roboter und Drachen. Und gemalt habe ich hauptsächlich das, Strichmänner und Gesichter.

Rolf Zuckowski

Wie, schreibt Johannes hier gerade, der Mikail sei ein normales Kind, das malt, was normale Kinder eben malen? Nur halt in bekannter?? Nein, das schreibt der Johannes hier nicht. Aber der Johannes möchte dir klarmachen, worüber es sich zu reden lohnt - und worüber nicht. Und ein Vergleich mit Richter ist einfach nur offensichtlich, darüber lohnt es sich nicht zu reden. Sicher, in einem Interview wird gesagt, er sei Mikails Lieblingskünstler. Aber mein Lieblingsmusiker mit 6 war auch Rolf Zuckowski. Der Lieblingskünstler eines 6-Jährigen wird sich immer aus seinem, sehr beschränkten Feld des Bekannten rekrutieren. Und ich glaube kaum, dass Mikail zuerst Richter gesehen hat und dann wie er gemalt hat. Ich glaube viel mehr, dass das anders herum war.

Youtube


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Gerhard Richter bei der Arbeit im Studio. Ein Bild entsteht während ein Anderes zerfällt.

Und das faszinierende an Richter ist, zumindest meiner Meinung nach, nicht Technik oder Farbe. Sondern seine innige, rationale Beziehung mit der Leinwand. jedes Mal, wenn Gerhard den Rakel zieht, entsteht ein neues Bild, während ein Altes vergeht. Und jedes Mal aufs Neue, muss Gerhard sich entscheiden, ob dieses Bild von vielen Möglichen, das Eine, das Richtige ist. Wenn es ein Vorheriges gegeben haben sollte, das richtiger war, dann wird es dieses nie wieder geben. Und ob es ein noch Richtigeres geben wird, wenn er weitermachen würde, das wird er auch niemals wissen.

Ob das Alter eines Künstlers wichtig ist, wenn man über ihn und sein Werk sprechen möchte? Das hatten wir uns direkt am Anfang gefragt. Nissi erzählt, dass sie der Ausstellung zugesagt hatte, bevor sie das Alter wusste. Gut. Wo wird das Alter wichtig, wenn überhaupt?

Etwas, das Kai und mich von Anfang an fasziniert hatte war, dass es so etwas wie eine Serie in Mikails Werk gab. Das ist nichts ungewöhnliches in der Kunst. Für einen 6-Jährigen ist das konsequente Erforschen einer bestimmten Idee aber durchaus ungewöhnlich. Das ist ja nicht wie Fahrradfahren lernen. Du kannst etwas. Du lernst das Nächste. Sondern in einer Serie wird immer wieder alt Bekanntes aufgenommen, neu arrangiert und variiert.

auf Blau

An anderer Stelle muss man sagen, dass ja wirklich jeder spachteln und spritzen kann (ich spreche hier vom physischen Können). Möchte man sich darüber unterhalten, dann ist das Alter wirklich herzlich egal. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man besonders für Mikail, Kunst in 3 Teile teilen muss. Wir betrachten Kunst als Handwerk (toll, was der kann), Kunst als Markt (toll, was mir das bringt) und Kunst als Erfahrung (toll, was das mit mir macht). Kunst als Handwerk und Kunst als Markt sind sehr einfach, weil hier Subjektivität keine Rolle spielt. Du kannst meinen was du willst. Es gibt ein teurer und billiger, bekannter und unbekannter, schneller und langsamer, sauberer und unsauberer. Beurteilen wir Mikails Werk hier, stellen wir fest: Handwerklich ist da nicht viel. Gut, das ist inzwischen bei den allermeisten so. Was den Markt angeht werden Werke von Mikail für Beträge im Bereich der 3000€ verkauft. Für jemanden der erst seit 2 Jahren malt, ist das ziemlich beachtlich (ich sage hier ganz bewusst nicht “für einen 6-Jährigen”).

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

'Cosmo' von Mikail Akar*

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

'Champi' von Mikail Akar*

Und nun Kunst als ästhetische Erfahrung. Hier ist Subjektivität unser Tripwire. “Ich mag das” ist kein gültiges Urteil und “ich mag das, weil” auch nur Meinung. Trotzdem. Unter den Drip-Paintings empfand ich vor allem das auf Blau als sehr stark, der Rest war eher so mäßig. Das auf Blau wirklich, weil es auf mich die stärkste Ausstrahlung hatte. Die Werke auf weiß, “Champi” zum Bespiel, sind meiner Meinung nach die Schwächsten, was vor allem an der gleichförmig und absolut balanciert verteilten Farbe liegt. Es fehlt dieser Sinneseindruck, der mich aus der Balance bringt. Der lyrische Schock. Eins hing aber auch oben, hinten, in der Ecke, hinter einem Garderobenständer und wird für 790€ verkauft. Ich scheine also nicht der Einzige zu sein.

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

'Sila' von Mikail Akar*

Unter den Spachtelbildern hat uns “Sila” am meisten überzeugt. Es ist das einzige Werk der Reihe, was tatsächlich einige, nach Richter aussehende Spannungsfelder enthält. Aber immer wieder auch plumpe Kontraste, wie zur Bildmitte parallele Spachtelmarken nebeneinander, eine in Blau, die andere in Orange mit Gelb durchschimmernd (unten rechts). Das hätte ein erfahrenerer Maler niemals stehen gelassen. Insgesamt empfanden wir tatsächlich den abstrakteren Teil des Werkes als den Unspannenderen.

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

Die Serie, die auch 'Grins' enthält.*

Mikail Akar in Nissis Kunstkantine Mikail Akar in Nissis Kunstkantine

'Ryra' & 'Ramba' von Mikail Akar*

Viel Besser gefielen uns die Gesichter (“Grins” u.A.) und die zwei Kompositionen (“Ryra” und “Ramba”). Zum einen war das Bildgewicht hier überraschend geschickt austariert, zum anderen die Farben gut, da Spannung erzeugend, gewählt. Die konsequente Weiterentwicklung des Gesichtes und der Formen im Hintergrund lässt eben jenes Talent, von dem ich am Anfang sprach, erkennen. Hier fällt allerdings stark auf, dass ein Kind malt. Zwar sind auch Erwachsene in der Lage solche kindlichen Zeichnungen zu erzeugen (wie der Drache im blauen Feld auf “Ryra”). Allerdings spürt man den Unterschied zwischen dem Strich eines freien Kindes, das nicht über den Strich nachdenkt und dem Strich einer erfahrenen Hand, die schon tausende Striche gezeichnet hat und sich nun zwingen muss, absichtlich frei zu zeichnen. Die zwei Streifenbilder, von denen Fatih Akin noch schnell eins gekauft hatte, fand ich ebenfalls nicht sonderlich spannend, auch hier ist die Farbverteilung noch sehr gleichmäßig und unakzentuiert.

Insgesamt ist mein Gesamteindruck sehr positiv gewesen. Die Eltern scheinen ihren Sohn zu nichts zu nötigen. Als er mit Lego spielen will, darf er das und wird in Ruhe gelassen. Und Nissi, als Galleristin, ist erfrischend unvoreingenommen und Marktkritisch. Ich finde das nicht gut, dass Werke so früh, so teuer verkauft werden, sage ich. Und, dass die Leute so viel für was von Hirst ausgeben? Finde ich auch nicht gut. Und sie auch nicht. Aber deswegen meine ich ja, dass man Kunst getrennt vom Kunstmarkt betrachten muss.

Was mich sorgt ist, dass Künstler häufig das weitermalen, mit dem sie bekannt geworden sind. Was wird sein, wenn Mikail anfängt realistisch zu malen. Oder ganz mit dem Malen aufhört. Ich kann mir vorstellen, dass früher Erfolg die freie Entwicklung deckelt, bevor ein, eindeutig vorhandenes Potential, sich voll entfaltet: “Weil viele der jungen Künstler sofort auf Auktionen kommen und dort das große Geld verdient wird. Anders als früher können die Künstler sich nicht langsam entwickeln.”1 1 Zitat von Gerhard Richter aus einem (lesenswerten) Interview mit der Zeit, Nr. 10 | 2015

Was ich mir für Mikail wünsche und wonach es aktuell auch aussieht ist, dass sich sein Ego nicht überentwickelt, ihm seine Eltern mit 18 einen Batzen Geld in die Hand drücken können und er sein Leben lang malen kann, was er will. Denn die großen Künstler sind doch die, die nicht malen um zu verkaufen. Die ihr Ego aus ihrer Kunst raushalten. Das ist nur leider meistens nicht drin. Mikail wird diese Möglichkeit vielleicht eines Tages haben. Und dann kann er ein wirklich großer Künstler werden.

* Bilder mit freundlicher Genehmigung von Nissis Kunstkantine.

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